Litauen - "Sveiki atvyke j Lietuva"

Nach einem vertrödelten Tag entschloss ich mich am Nachmittag des Sonntag 25.Juni doch noch nach Litauen einzureisen.

Tolle Strasse zum Grenzübergang Ogrodnik, keine Kontrollen und eine Stunde Zeitverschiebung nach vorn. Unspektakulär, ist es doch ein völlig neues Land für mich.

Was aber sofort auffiel: Plötzlich sind viele Häuser aus Holz. Litauen hat ja eine bewegte Geschichte, zwischen Polen, Deutschen und Russen hin und her geworfen. Die Unabhängigkeit nach 1990 und die EU sind ein grosser Gewinn für das Land.

Ich fahre also am Abend so dahin....nachdem ich in Polen immer auf Zeltplätzen genächtigt hatte, wollte ich jetzt ab Litauen wieder mehr zur Natur zurück. Unterwegs schöne Plätze finden.  Spannend soll es wieder werden .... und das wurde es dann auch.

Ich hatte einen schönen Fleck im Wald gefunden, einen kleinen Weg rein und war ziemlich unsichtbar von der kleinen Strasse aus. Hab gegessen und mein Bett gerichtet.

Schon in meiner Koje liegend, hatte ich Alessandra noch auf eine mail geantwortet und mich dann schlafen gelegt.

Lest meine 2. mail an Alessandra in der Nacht, 15/20 min später:

...Jetzt muss ich gleich nochmal schreiben, denn schlafen kann ich noch nicht. Das Herz pumpert grad bis zum Hals.
Nach der mail an Dich, hab ich ausgemacht, mich “gebettet“ und bin am Wegdösen. Da hör ich was, das nicht das Kühlschrankbrummen ist.

Nochmal gehört, ja ein Auto tuckert. Augen auf - vor meinem Auto steht eins und leuchtet direkt bei mir rein. Huh....
Aber der sieht mich nicht, ich bin ja oben.
Nach ner Weile fährt das Auto weg.
Ich suche meinen Autoschlüssel und denke “hier muss ich sicherheitshalber weg, aber wohin im Dunkeln. Ach du heiliger...."
Bevor ich am Steuer sitze, kommt er zurück und steht wieder vor mir. Also bleibt nichts, Angriff ist die beste Verteidigung.
Ich steige aus, zum Glück ist mein Schlafzeug salonfähig und er spricht mich schon auf englisch an “hello, can you go there, I have to go this way...“
“you can stay there on the other way“.
In mir sind Schreck und Erleichterung eins, “can I stay here only this night?“,  

ja, ja, er nickt  - und ich springe eilfertig auf meinen Fahrersitz und fahre raus, gleich daneben ist noch ein Weg,

wo ich wieder einparke. Er ist schon weg...

Und während ich dies schreibe, legt sich meine Aufregung wieder.
Das ist mir noch nie passiert und Alles ist gut gegangen.
Huh, tiefes Ausatmen. Du bist quasi mein Abreagieren.
Nun wird's hoffentlich wirklich eine gute Nacht.
Karin


Ja, es wurde eine gute , störungsfreie Nacht danach, am Morgen wie immer Frühstück gerichtet, Bett in Ordnung gebracht, Abwasch- diesmal draussen im Wald und beim letzten pipi sehe ich doch erst, was der Platz für Schätze bietet: Walderdbeeren jede Menge. Ich pflücke einen ganzen Becher voll.


 Meine erste Station in Litauen ist die kleine Stadt Druskininkai, Druska bedeutet Salz, denn es gibt Solequellen. Sie liegt im Dreiländereck Polen-Litauen-Weissrussland und ist ein Kurbad mit schönen Anlagen, bereits 1837 liess der russische Zar ein Sanatorium errichten. Aus dieser Zeit stammt auch die schöne blaue orthodoxe Holzkirche. Auf dem Friedhof war die gemischte Vergangenheit nachvollziehbar, die meisten Grabsteine waren in lateinischer Schrift mit litauischen oder polnischen Namen, ein kleinerer Bereich gehörte den russischen Verstorbenen, mit kyrillischer Schrift auch nach der Unabhängigkeit Litauens. Ein Riesensupermarkt mit Preisniveau wieder wie bei uns, Zahlungsmittel wieder der € und überall wenige Menschen, wenige Autos unterwegs.

Ich habe die Stadt als Durchgang besucht, weil ich in den nahegelegenen Nationalpark Dzukijos wollte.

In diesen Nationalpark fuhr ich am Nachmittag noch, schnurgerade gute Strassen immer durch Kiefernwald, und unternahm eine Wanderung, eine markierte natürlich. In einem Dorf mit verstreut liegenden Holzhäuser-Gehöften fand ich eine Touristeninformation - ein grosser Neubau- und bekam für 1€ ! Nationalparkgebühr eine Wanderkarte und gute Wünsche auf den Weg. Sehr abwechslungsreich, auf und ab, durch Kiefern- und Mischwald, am und mehrmals über ein Flüsschen, an Sumpfgelände vorbei und sogar über eine kleine Wanderdüne, an einzelnen Gehöften un einer Holzkirche vorbei ging der Weg. Unterwegs wilde Blumen, weisses Moos und ein paar Pfifferlinge hab ich gefunden. Nach 10 km war ich ermattet wieder am Ziel . Und suchte am Abend noch den empfohlenen Zeltplatz, an dem ich über Nacht bleiben konnte.

Am See, ein Freizeitgelände im städtischen Format und ausser einem Angler keiner da. Cool.

Die Ruhe und das Alleinsein in solchem Gelände machen einen ja auch etwas unruhig, was stellt man an, wenn keine Leute, kein Lärm, keine Musik und kein Würstchengeruch da sind, man nicht über die Decken Anderer steigt. Am Morgen war es sonnig, trotz Regenvoraussage ein herrlicher warmer Sommermorgen. Diese Idylle wollte ich noch etwas auskosten und blieb bis zum Nachmittag da, sonnen, baden, Wäsche waschen, schreiben, Sudoku lösen, eine Kaulquappe und Entenfamiie beobachtet...zum Dank für diesen schönen Platz hab ich den wenigen Müll aufgesammelt. Auch ein Storch kam mir im Wald entgegen....


... und noch bin ich unterwegs in Litauen

Mein nächstes Ziel ist der Ort Trakai, in der Nähe von Vilnius.

Lt. Reiseführer ein wichtiger Ausflugsort für die Litauer, wohl weil diese Wasserburg, die einzig „erhaltene“ in Osteuropa ist und von einem in der litauischen Geschichte bedeutenden Manne- dem Fürsten Gediminas- erbaut wurde, dieser Fürst hat im 14. Jh auch Vilnius gegründet und Litauen wurde unter ihm eine osteuropäische Grossmacht . Und Gediminas hat gegen den deutschen Orden gekämpft.

In Trakai also- ein netter Campingplatz, viel freie Wiese, direkt am Galve-See und noch ein abendlicher Blick auf die von der untergehenden Sonne beschienene Wasserburg . Dass die Sanitäranlagen des Platzes nicht so toll waren, verschmerzt man, auch wenn in einer Damentoilette ein Deckenelement abgestürzt ist, und am nächsten Tag nur an der abgeblätterten Farbe der Aussenwand herumgekratzt wurde, aber nichts in der Toilette repaiert wurde.....Naja, Handwerker sind auch dort rar.

Geradelt bin ich zunächst zu einem sehr schönen Landgut, der Uzutrakis Villa, errichtet ab 1897 mit herrlichen Parkanlagen, Plastiken, Terassen, Kanälen zum See und Blick auf die Wasserburg gegenüber. Auch dieses Landgut im Familienbesitz wurde über die zweimaligen Kriegszeiten arg in Mitleidenschaft gezogen, nach dem 2. Kriege enteignet und vom gesamten Inventar war nichts mehr übriggeblieben. In Sowjetzeiten als Erholungsheim genutzt, wurde es nach der litauischen Unabhängigkeit neu restauriert und wieder ganz toll ausgestattet. Ein Kleinod!

Meine anschliessende Radltour in den Ort Trakai, war gekrönt von Kaffee und Schokokuchen. Die Wasserburg hat mich trotz Touristenandrang selbst aus Asien nicht so interessiert. Das Eintrittsgeld habe ich mir gespart, denn mit der Marienburg in Polen hatte ich schon eine imposantere Burg angeschaut. Man ist ja verwöhnt.

Die Burg Trakai ist erst im 20. Jh quasi völlig neu aufgebaut worden, seit einem Kriege im 16. Jh war sie total zerstört.

Umso erstaunlicher, dass sie solch ein Touristenmagnet wurde- gute Werbung! muss man da anerkennen.

 

Das heftige nächtliche Gewitter lies mich um 4 Uhr im Schlafzeug draussen herumspringen, denn ich war nicht gut vorbereitet:

auf der Windschutzscheibe eine Sonnenschutzmatte, die sich bei solchen Bedingungen schön voll Wasser zieht und noch schlimmer, mein Stromkabel-Verlängerungsstecker lag in der Wiese, da wäre ein Kurzschluss fällig gewesen. Also zog ich alles in Hektik ab und es ging nochmal gut. Nur ich triefte. Am Morgen hatte ich aber grosses Glück, denn gerade als ich vom Duschen über die patschnasse Wiese stapfte - es regnete noch immer- schlug ein Blitz in einen dieser Stromkästen auf dem Platz in meiner Nähe ein, es bretzelte, knallte dumpf und eine Sirene ging los, danach war der ganze Platz ohne Strom und ich zum Glück unversehrt!


Donnerstag 29.06.2017 km-Stand: 99.014/ 4.044 km gefahren:

Auch in Vilnius nutze ich den Stadtcampingplatz. Die sind nicht grad idyllisch, aber praktisch, weil die Stadtbesichtigung ziemlich gut von da aus machbar ist. Und WoMo-Besitzer müssen darauf schauen, wo sie parken wegen der Sicherheit. Auch dort auf dem Platz ist noch alles unter Wasser, ich finde einen einigermassen ebenen Platz ohne Schwimmbad. Die Sanitäranlagen sind in Containern, aber alles sehr sauber, auch eine Küche mit Aufenthaltsraum ist tip top. Ich entschliesse mich wieder, mit dem Radl in die Stadt zu fahren, „kein Problem“, meint der Chef der Anmeldung.

 Die Altstadt von Vilnius war für mich etwas schwierig, ein Gewirr von Strassen, alte, nicht renovierte Häuser, viele Kirchen, aber z.T. ziemlich versteckt und einige grosse Monumentalbauten. Z.B. Stadthalle, Kathedrale, wo im Gottesdienst sogar viele gesungen haben. Ich kann den Charme der Stadt nicht wirklich entdecken und bin wohl vom Gdansker Stadtbild verwöhnt. Später entdecke ich im Internet weitere Sehenswürdigkeiten, die ich nicht gesehen habe. Das Mittagessen - in einem grusinischen Gastgarten schmeckt sehr gut, nur Freundlichkeit müssen die grusinischen Bedienungen noch lernen.

Auf dem Rückweg sehe ich eine litauische Folkloregruppe grad bei ihrem letzten Lied, das freut mich sehr. Und die Männer geben mir sogar eine kleine Privatvorführung, sehr nett.

Dafür finde ich dann im Stadtpark den Rückweg nicht mehr, suche herum, muss mein google benutzen und genau diese Zeit fehlt mir dann, da eine schwarze Wand aufzieht, ich mich über eine Brücke im Sturm kämpfe, die letzten 2 km wie der Teufel rase und der Gewitterguss kurz vorm Zeltplatz richtig loslegt. Sehr glücklich und wieder nass schlüpfe ich in mein „Wohnzimmer“.

 

....nun wird`s ganz verrückt, denn es sind 3 Tage nur Regen in Wetter.com angesagt.

 Was macht man denn im Wohnmobil bei Dauerregen? Und ich wollte auf der Kurischen Nehrung an der Ostsee Radl fahren.

Noch ein Ausflugsziel habe ich ja.

 Richtung Kaunas, -aber nicht schon wieder Stadt! - gibt es das Freilichtmuseum Rumsiskes mit Häusern, Gehöften, Dörfern, Kirche usw. aus allen Landesteilen Litauens aus dem 19. Jh . Das bin ich dann bei Dauer-Nieselregen fast 3 Std. lang durchwandert, sehr schön angelegt und die Häuser mit historischen bäuerlichen Gegenständen ausgestattet, wie z.B. Möbel, Bettzeug, Trachten, Spinnräder, Werkzeuge, landwirtschaftliche Geräte usw.

Eine besondere Begegnung gab` s dann doch noch im sonst menschenleeren Gelände: bei einem der alten Bauernhäuser standen mehrere Menschen auf der Veranda, davor ein Auto mit Filmcrew. Alle warten auf irgendetwas, wohl auf Sonne?

Ich frage, was sie denn für einen Film drehen wollen, „eine historische Serie“ bekomme ich zur Antwort. Dann schaue ich genauer auf die Menschen am Haus und sehe mehrere junge Männer, die über die Brüstung lehnen in Uniformen mit den bekannten Runenzeichen. Huch, was ist das denn?

“ Are you Germans for the film?“ Sie nicken. „ I`m from Germany, but I didn`t want to meet you here.“   Sie verstehen.

Zwei von ihnen fragen mich dann auf Deutsch, woher ich komme und freuen sich mit mir, dass ich hier in Litauen bin. Ein Foto kann ich mir dann doch nicht verkneifen.    Sie lächeln. Und grüssen zum Abschied.


 

Nach einem Ausflug etwas nach Norden von Kaunas aus, nach Kedainiai, einer Kleinstadt mit Kirchen aller Konfessionen -sogar zwei Synagogen - mit Mahnmal- wurden wieder aufgebaut-, war das Kaffeetrinken in einem schnuckligen kleinen Kaffee das Bemerkenswerteste. Aber halt: in zwei Kirchen war ich drin und beide hatten etwas Überraschendes: die evangelische Kirche war innen total schlicht und vor allem , es waren keinerlei christliche Attribute zu sehen, keine Maria, kein Jesus, keine Engel, keine Kerzen, niemand. Der einzige Schmuck waren Blumen und Obstornamente in Holz geschnitzt. Aber im Keller waren restaurierte Sarkophage zu sehen. Die katholische Kirche war eine hölzerne Stabkirche, außen dunkelbraunes Holz und innen, welch ein Gegensatz, welche Farben und welche Pracht an Ausstattung und Altären vorhanden war.

Dieser Tag war wohl auch der Tag der Hochzeiten, mindestestens 4 Brautpaare hab ich gesehen, alle hatten kein Glück mit sonnigen Hochzeitsfotos.

Mülltrennung scheint auch zu funktionieren und die Berufe waren unschwer zu übersetzen. Schön, dass meiner auch dabei war.

Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg in Richtung Klaipeda, auf normalen Landstrassen, nicht auf Autobahn. Ich wollte ja etwas vom Land sehen. Regen...Pfützen, Nebel ! Auffällig ist, dass Ortsnamen massenhaft mit "iai" enden. Unterwegs habe ich einmal geistesgegenwärtig gestoppt und kaufte an einem Strassenstand bei einer Bäuerin Erdbeeren, Tomaten und neue Kartoffeln je ein kg für gesamt 5 €.

Ich dachte, an dem Tag bis Jurbarkas zu kommen, einer Stadt am Nemunas, deutscher Name Memel- und der ist wohl sehr bekannt!

Bei dem Regen und der stehenden Nässe überall, erschien mir eine freie Platzwahl ungemütlich. Ich entschied mich, doch wieder nach einem Campingplatz zu suchen.

 

Und sieha da, der Campingplatz im Honey Valley, Campingas Medaus Slenis war ganz nahe.

Eine herrliche riesige Wiese, Bäume, Grillplätze, ein großer Feuerplatz, kleine Teiche, und wie fast überall, kleine Hütten zum Mieten. Sanitär war in Ordnung und eine kleine Küche für die Zeltler , sogar mit Geschirr und Kocher waren da. Ich war begeistert und nur 5 Campmobile da. Sooo schade, dass es so regnete. Trotzdem -mein schönster Platz bisher. Und ich habe natürlich gleich Honig beim Imker und Platzbesitzer eingekauft.


Am nächsten Morgen immer noch Nieselregen, ich wusch mir sogar die Haare, hatte ich doch einen Reisefön gekauft!

Einen Morgenspaziergang unternahm ich zum nahegelegenen Nemunas, eine schöne Sandbank und Sanduferstreifen und üppig grünes fruchtbares Land. Der Fluss floss majestätisch langsam dahin. Sabines Cousine hatte mir erzählt, dass ihr Opa an der Memel Fischer war und ich stellte mir das hier genau vor. Eine herrliche Landschaft und sicher reiche Fischbestände. Merkwürdig wie eine Gegend plötzlich ein Gesicht bekommt, wenn man eine Geschichte darüber weiß. Das Memelgebiet war überwiegend von Deutschen bewohnt, die nach dem 2. WK vertrieben wurden. Für Sabine sammelte ich Steine vom Memelstrand, bis die Anoraktasche voll war, sandig und nass.

Mittags immer noch Regen, in der Rezeption empfahl man mir eine Burg, da ist Sonntags Markt mit vielen regionalen Produkten.

Gesagt, getan, ... nur mein Schicksal wollte etwas Anderes, statt dem Weg zur Burg.... traf ich einen Pilgerer, der im Nieselregen auf der Strasse dahergelaufen kam. Ein Pole und er will nach Helsinki, ....wie ich , allerdings anders als ich - zu Fuss. Er war gut gelaunt und gesprächig, wir redeten im Buswartehäuschen eine halbe Stunde lang. Das Erinnerungsfoto freut mich mächtig.

Und kaum von ihm verabschiedet und guten Weg gewünscht, die nächste unerwartete „Begegnung“:

mitten auf dem Radweg ein Liebespaar. Zwei Schnecken mit Haus, die sich innig aneinanderschmiegten mit ihren schmatzenden klebrigen Bäuchen und mit dem Kopf und den Fühlern sich hin und her wanden. Ungeniert schaute ich zu und sie liessen sich nicht stören vom Fotografen.

Das war genug Erlebnis, ich verzichtete nun auf die weitere Suche nach der Burg und fuhr los, diesmal wirklich Richtung Klaipeda, immer auf der Landstraße 141 entlang. Und die führt fast parallel zur Memel und zur russischen Grenze nach Westen wieder an die Ostsee. Die Grenze zu Kaliningrad verläuft ein ganzes Stück direkt im Fluss. Und dieser mündet ins Kurische Haff vor der Nehrung.

Auf dieser Fahrtroute kamen mir zwei Gegebenheiten sehr komisch und verdächtig vor. Ob es an der Nähe der russischen Grenze lag, ich weiss es nicht, und das waren litauische Auto-Nr-Schilder. Da kam mir nämlich die Warnung wieder in den Sinn, in der Nähe der russischen Grenze vorsichtig zu sein ( die Warnung bezog sich aber auf den Peipussee), da kämen gern russische Banden rüber, ruck zuck sind die Autos über die Grenze.   Dazu siehe auch in Nebensächliches.


Zum guten Schluss des Tages hab ich meine Freude laut rausgesungen, ich erreichte am Abend die Fähre von Klaipeda zur Kurischen Nehrung und war ruck-zuck drüben.. Happige Kosten allerdings: 30,05 € für die Fährstrecke von  500 m  ( es gibt keine Brücke), auf der Nehrung nochmal 30 € für den Nationalparkeintritt. Dazu die Campingplatzgebühr von 49 € für 2 Nächte !! Hier nehmen sie es von den Touristen.

Die Fahrt nach Nida, dem letzten litauischen Ort auf der Nehrung: 50 km fast schnurgerade dahin, von zwei Ortschaften unterbrochen und immer durch den Wald. Die Orte auf der Nehrung liegen alle am Haff, nicht auf der offenen Seeseite.   Der Campingplatz in Nida ist schön im Kiefernwald und nicht voll.

Die ganze Kurische Nehrung ist zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt worden und besonders geschützt. Das Besondere an ihr ist, das es eine 100 km lange Landzunge ist, die sich vor der Küste aus Sand gebildet hat, damit ein Haff mit Süsswasser geschaffen hat, was total ruhig liegt und sehr zum Baden geeignet ist und auf der anderen Seite der Landzunge ist die offene Ostsee. Man kann bequem zwischen der Haff- und der offenen Meeresseite hin und her wechseln., an manchen Stellen sind nur ein paar Hundert Meter Land Breite.

Und die Nehrung hat auch eine lange deutsche Geschichte. War sie doch Ausflugs- und Erholungsziel Deutscher in früheren Jahrzehnten. Eine wunderbare unverfälschte Natur und der Tourismus wird in Grenzen gehalten.

 

Noch schöner als die Anreise mein Abend-Spaziergang zur Ostsee - ich bin glücklich und meine Hüften schwingen mit einer Lockerheit , das schaffen sonst 6x Physiotherapie nicht. Starker Wind, hohe rauschende Wellen mit weissen Schaumkronen, und die Sonne lies sich ganz vorsichtig blicken, ein Ansatz von Sonnenuntergang um 22.18 Uhr - wie wunderbar, daß ich wieder an der Ostsee und einem Traumziel von mir bin - die Kurische Nehrung ! Hurra !

 

 

 

Auf der Kurischen Nehrung:

Es schien zwar keine Sonne, wie in wetter.com vermeldet, aber man freut sich ja schon , wenn es trocken ist.

Nach dem Frühstück schwang ich mich auf`s Rad und auf geht`s zur Erkundung. In Nida in der Info sächsische Klänge, da gebe ich mich mal nicht zu erkennen. Daneben klingen auch viele russische Rufe von Kindern, die draussen toben, offenbar dürfen die Russen aus Kaliningrad nach Litauen reisen, für sie ist es ja auch ein Katzensprung. Alle gut gekleidet, sehr angenehm. Ich versuche keinen Kontakt, mir fallen keine Worte ein. Aber auf`m Radl hab ich dann bissl russisch geübt, was ich sagen könnte.....

Am Hafen stehend sehe ich Richtung Ende der Bucht eine riesige Düne, das ist auch eine Wanderdüne, nix wie hin! Allerdings list sie angsamer als die in Polen, nur 10 Meter Wanderung in 30 Jahren und sie wird immer kleiner, der Wind trägt den Sand davon. Ich radele zum Fusspunkt und dann geht es 180 Stufen hinauf, die ich sportlich ohne Pause bewältige, muss ja den Anderen beweisen, was ich kann... Oben ist es herrlich und dazu sogar Sonnenstrahlen, ich sehe mir die Landschaft lange an und geniesse es.

Mein weiterer Weg führt immer am Wasser entlang, an den herrlich farbig gestrichenen Holzhäusern vorbei, natürlich sind das die in vorderster Front, 1A-Lage. Nun radele ich eine Strecke von ca. 20 km immer am Haff entlang, so geht der Radweg Nr 10, irgendwann gibts nen Abstecher zum offenen Meer, da braust es wieder mächtig und der Wind vertreibt mich bald wieder. Die „Tote Düne“ ist ein Gebiet, was heute bewachsen ist, also nicht mehr als Düne erkennbar, aber ein sehr schönes, geschütztes Gebiet.

Auf dem Rückweg packt mich der Hunger, aber in Perwalka, einem mittleren Dorf der Nehrung gibt`s kein Cafe, na sowas! Dem Schild zum Supermarkt - ein Hinterhof-Eisladen-folgend entdecke ich ein Art Biergarten am Bauernhaus, denke, jetzt gibts Kaffee, aber nix da, es gibt nur eine Fischsuppe. Die war gewöhnungsbedüftig, da die Fischstücke sehr groß und mit Gräten waren. Wie man die unfallfrei aus der Suppe rausholt.... hab ich nicht gut hinbekommen. Aber geschmeckt hat sie, obwohl Dill drin war!

Zu guter Letzt hab ich dann in Nida etwas ausgelaugt wegen dem Strampeln gegen den Wind noch meinen Kaffee bekommen und dazu 2 Eierkuchen mit geraspelten Äpfeln gefüllt, das schmeckt hier überall als Nachspeise supergut. In dem Restaurant waren, glaube ich, nur russische Gäste.

Der Abend klang in meiner WoMo-Küche und -Esszimmer aus, aus Gesundheitsgründen - wegen der ständigen Winde- hab ich mir einen litauischen Wodka gekauft, mit Quittengeschmack! Sehr trinkbar.

 

Am nächsten Morgen, es ist jetzt der 4. Juli  schüttet es wieder, und dann Sonne-Regen-Wechsel bis fast Mittag. Doch - die Sonne gibt`s noch, danach schien sie.

 

Nur mit Regenjacke und Fotozeug und zum Glück mit Geld wollte ich einen kleinen Strandspaziergang unternehmen, aus dem wurde ein Ganztagesausflug. Herrliche Wellen, die brüllen und toben mit dem Wind um die Wette, ein paar Kinder springen hinein und ich wandere weit am Strand entlang. Einem Strandweg folge ich und wirklich, ich komme in Nida „City“ an. Im Bernsteinmuseum lausche ich der Erklärung für eine deutsche Studienreisegruppe aus München! und ein kleines Andenken muss ja sein, ein Paar Ohrstecker mit Bernstein.

 

Dann suche und finde ich das Thomas-Mann-Museum. In Lübeck, da ist er nämlich 1875 geboren, habe ich mich noch um den Besuch des Buddenbroks-Museums herumgemogelt. Nun komme ich nicht mehr aus, jetzt muss es sein: und ich bin sehr angetan, etwas aus dem Leben von Thomas Mann zu erfahren, der 1929 den Nobelpreis für LIteratur erhielt. Von 1930 bis 1932 bewohnte er im Sommer ein Haus am Haff in Nida, ein Jahr zuvor war er in der Künstlerkolonie Hotel Bode zu Gast.

 

Und genau in diesem Sommerhaus, blau gestrichen, Schilfdach, weisse Fenster und am Dachgiebel zwei gekreuzte Pferdeköpfe- das bringt Glück- ist jetzt ein Museum. Es wird erzählt, dass seine Kinder ( fünf an der Zahl) immer leise sein mussten, vormittags schrieb der Vater, Mittags hielt er Mittagsschlaf, Nachmittags las er, was er früh geschrieben hatte... Aber es ist auch überliefert, dass er in Nidden ( so hiess Nida damals in deutsch) seine Schrift „Was wir verlangen müssen“ gegen den aufkommenden Hitlerfaschismus verfasst hat. Danach ist die Familie Mann emigriert, über Frankreich und die Schweiz in die USA und nie wieder konnten sie ihr Sommerhaus nutzen.

 

Die deutsche Geschichte in vielen Facetten holt mich auf meiner Reise bis jetzt immer wieder ein, damit hatte ich nicht gerechnet.

 

Der Überlebenstrieb liess mich dann bei Kaffee, Kuchen und Eis rasten. Auf dem Rückweg vom Haff zur offenen Ostsee hab ich die Zeit gestoppt, bei zügigem Schritt hab ich 23 min von der Haffseite zur Ostseeseite gebraucht, also ca 2 bis 2,5 km Breite der Nehrung bei Nida.

 

Am WoMo angekommen, gab`s ein schnelles aufgewärmt variiertes Abendessen. Und schon schwang ich mich aufs Radel, um nochmals nach Nida zu fahren. Am Abend wurden Filme eines litauischen Filmemachers gezeigt über die Geschichte der Künstlerkolonie vom 19. bis Mitte 20. Jh, über Pflanzen der Nehrung mit herrlichen Naturaufnahmen und von der kurischen Sprache und der Historie der Nehrung. Alles zusammen hat mein Bild über die Kurische Nehrung sehr gerundet, hier gehört man mit mehr Muse und Zeit nochmals her!  Der Ort und die Nehrung haben ein besonderes Flair, das mich sehr anzieht. Einfach, ruhig und kraftvoll.

 

Zum Abschluss meines Aufenthaltes in Litauen ein paar allgemeine Eindrücke:

Es hat mir in diesem Land sehr gut gefallen, es ist gut entwickelt, die Menschen sind offen, freundlich, die Infrastruktur gut bis sehr gut, ich kann eine Reise dahin nur empfehlen. Die Supermärkte "Maxima" sind voll qualitativ guter Waren, im Überfluss und Preise wie bei uns in Deutschland. Die litauische Sprache ist mir ein grosses Rätsel, es gibt keinerlei Bekanntes, was man ableiten könnte. zum Glück gibt`s den google-Übersetzer, und viele Menschen sprechen englisch.

Die Auto-Kennzeichen sind immer 3 Buchstaben + 3 Ziffern, die Buchstaben gaben manchen Spass bei bekannten Abkürzungen. Viele Orte enden auf "iai" wie z.B. Kedainiai, wo ich war. Die wichtigste Regel aber lautet wohl: gehe nicht die vorgegebenen Wege, sondern zweige in den Wald ab und du findest ständig Walderdbeeren oder auch schon ein paar Heidelbeeren, es wird zur Sucht, weil es so viele sind.

Danke und auf Wiedersehen Litauen!

Aciu ir sudie Lietuva !